Relax, take a picture (or two)

Früher ging es noch in den Urlaub, um sich zu entspannen. Autopilot (nicht nur auf dem Smartphone), die Haare wurden locker zusammengesteckt und das Outfit beschränkte sich größtenteils auf Bikini und Kaftan. So unbeschwert ist es mittlerweile kaum noch. Heute gleicht der Urlaub eher einem Trip, auf dem es sich vor allem um eines dreht: Die Selbstinszenierung.

Die personifizierte Selbstinszenierung trat das erste Mal auf Capri in Erscheinung. Wie ich war sie gerade dabei im Hotel einzuchecken. Statt der Rezeption zog sie den Instagram-Button vor. Den flüchtigen Blick auf ihr Smartphone ersparte ich mir. Denn ich wusste längst, was hier vor sich ging: „finally arrived! (Herzsmiley, Flugzeugsmiley) So exhausted. (Müder Smiley) Think I’ll go to the beach now. (Sonnensmiley,  Wellensmiley) Erst viel später registrierte ich ihren Partner, der während der gesamten Foto-Session stillschweigend daneben stand – bis er das Einchecken schließlich selbst übernahm. Zwischen unzähligen Koffern und mindestens ebenso vielen Reisetaschen hindurch bemerkte dieser irgendwann, dass es doch mal an der Zeit wäre  zu gehen. Widerwillig schloss sich Frau S.  dem Vorschlag an. Jedoch nicht, ohne vorher noch ein paar Fotos auf dem ultraschicken Sofa im Eingangsbereich zu machen. Während sie so da saß, überschlug sie die Anzahl der „Gefällt mir“-Angaben wahrscheinlich schon längst in ihrem Kopf. Auch ich machte mir so meine Gedanken und kam dabei um eine Frage nicht herum: Macht so ein „Urlaub“ wirklich Spaß oder wird hier lediglich das Bild davon erzeugt?

Bereits der nächste Morgen lieferte mir eine Antwort auf die Frage, die mich mittlerweile quasi selbst daran hinderte zu entspannen. Dem Paar von der Rezeption begegnete ich beim Frühstück wieder. Während er müde an seinem Kaffee nippte (vermutlich musste er den  restlichen Abend über Fotos knipsen) machte sich Frau S. bereits gut gelaunt über ihren Teller her. Knipste ihn von links, rechts, oben und unten. Ob sie jemals auch nur einen Bissen zu sich genommen hat, ist fraglich. Auch am Strand nahm die schonungslose Knipserei kein Ende „Pass auf die Badegäste im Hintergrund auf“, „Hast du den Bildausschnitt beachtet? Gigi und Kendall haben kürzlich auch so ein ähnliches gepostet“,  „Soll ich das Kleid anbehalten oder lieber doch ein anderes anziehen?“. Ja, selbst die Kleidung fügte sich geradezu nahtlos in das perfekte Bild.  Bei ca. fünf Koffern ist schließlich für jedes Foto das richtige dabei. Vom Make-Up mal ganz abgesehen, für das möglicherweise drei Reisetaschen vorgesehen waren. Doch ist es das wirklich wert? Geht es beim Urlaub wirklich nur noch darum von einer Inszenierung zur nächsten zu hetzen, um diese wenig später auf Instagram zu posten?

Entspannung, das scheint mittlerweile für viele zu einem Fremdwort geworden zu sein. Vielleicht fängt sie auch erst dann an, wenn der Akku leer ist und Ladekabel und Adapter nicht mit der Steckdose harmonieren. Ob es bei diesem Paar irgendwann der Fall war, wird wohl das passende Bild bei  Instagram zeigen: „Oh my God. Just found out they have different sockets here! almost died.“ SmileySmileySmiley.

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