The Gender Gap

Wieder einmal stößt die US-Vogue mit der Wahl ihres Covers auf kritische Stimmen und wütende Leser. Mit Gender Fluidity hat dieses nämlich in etwa so viel gemein wie Couture mit Kleidung von KIK.

Wenn es die „Goldene Himbeere“ der Printmedien geben würde, die amerikanische Vogue wäre von der Jury in der Vergangenheit sicherlich nicht nur einmal aufs oberste Treppchen gehoben worden. Nachdem Anna Wintour und ihr Gefolge im April 2014 Kim Kardashian und Kanye West als Cover-Paar wählten, geriet das Magazin in einen üblen Shitstorm. Von Manhattan bis Los Angeles kündigten Frauen ihre Abos, noch ehe sie besagte Ausgabe in den Händen hielten. Auf Instagram und Facebook wurde der Unfollow-Button währenddessen tausendfach geklickt. Wirklich etwas daraus gelernt hat in der geradezu heiligen Redaktion, in die schon Carrie Bradshaw ihren Fuß setzen durfte, niemand. Schlimmer noch: Die Kimye-Katastrophe sollte nur der Anfang sein.

Nachdem Mrs. Wintour und ihr Team daraufhin vom Skandal-Radar verschwanden, folgten in diesem Jahr dafür gleich zwei Aufreger hintereinander. Unter dem Titel „No Norm ist the New Norm“ sollte in der März-Ausgabe die Schönheit in all ihren Facetten zelebriert werden. Viel übrig blieb von der ursprünglichen Idee aber jedoch nicht. So wirkte etwa Plus-Size-Model Ashley Graham neben ihren Kolleginnen Liu Wen und Imaan Hammam deutlich schlanker als sonst. Und wer könnte die Photoshop Panne von Gigi Hadid vergessen: Das Topmodels bekanntlich einen Superbody haben, ist kein Geheimnis. Aber Superkräfte? Mit ihrer Armlänge macht die 22-Jährige der Zeichentrickfigur „Mrs. Incredible“ jedenfalls ordentlich Konkurrenz. 

Weil dies anscheinend  noch nicht ausreichte, setzt das Magazin in der aktuellen August-Ausgabe (unfreiwillig) noch einen drauf. Das Cover ziert abermals,  natürlich, Gigi Hadid. Zur Abwechslung gesellte sich diesmal ihr Freund dazu, der britische Sänger Zayn Malik.  Für Schnappatmung im Web sorgten aber weder die Hadid’sche Omnipräsenz, noch die wild zusammengemixten Unisex-Anzüge von Gucci, sondern die begleitende Cover-Story. Locker und ungezwungen plaudert das Paar darüber, dass jeder auch mal die Outfits des anderen aus dem Kleiderschrank borgen würde. So griff Zayn etwa zu einem Shirt der Designerin Anna Sui… Wow, dachte sich vermutlich das Team der Vogue und ernannte das Duo prompt zum Vorzeigepaar der Gender Fluidity. Bereits wenige Sekunden nach dieser Kür, brach auf Instagram, Twitter und Co eine Protestwelle los.  Lesern über Journalisten bis hin zu Betroffenen wie dem LGBTQ-Aktivisten Jacob Tobia reichte. Der Tenor: Statt der Non-Gender-Community mit Respekt und Realitätsnähe zu begegnen, versuche die Vogue  nur das eigene Cover ein wenig aufzupeppen. Und wer käme dafür besser in Frage, als Gelddruckmaschinen wie Gigi oder Bella Hadid und Kendall Jenner? Mit dem Dreiergespann – ob alleine oder zusammen –  verkaufen sich eben auch emotionale und konfliktreiche Themen einfach „schön“.

Nun mag es durchaus bemerkenswert sein, dass Hadid und Malik nicht viel von geschlechtsspezifischer Kleidung halten. Sich ein Shirt für Frauen oder eine Hose für Männer überzustreifen, hat jedoch rein gar nichts mit dem Status „Gender Fluid“ zu tun. Erst recht nicht im Falle von Gigi und Zayn, die sich – nicht nur im Hinblick auf ihre Beziehung – eindeutig straight orientieren. Und dabei auch noch ungemein appetitlich anzusehen sind. Etwas, das der Vogue letztendlich eindeutig wichtiger gewesen ist. Die Wirklichkeit ist aber auch einfach nicht glamourös genug!

 Was ist mit den echten Gesichtern der Queergender-Bewegung, wie Tyler Ford, Alex Newell, Grace Dunham, Alok Vaid-Menon, Hari Nef oder Kurtis Dam-Mikkelsen alias Miss Fame? Einige von ihnen standen in der Vergangenheit bereits gleich mehrmals für Vogue vor der Kamera. An repräsentativen Persönlichkeiten scheint es jedenfalls nicht zu mangeln. Offensichtlich aber am Willen aus dem glamourösen Scheinwerferlicht zu treten, das die Elite seit jeher so makellos in Szene setzt. Der Schein verkauft sich in Zeiten der Instagram-Ära bekanntlich deutlich leichter als das „Sein“. 

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Image: Two of a kind by Jonathan Segade for FashionNow

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