Denkzettel à la Vetements

Sich beim Shoppen ernsthafte Gedanken über die Kleidung zu machen, das dürften wohl die Wenigsten. Vetements steuert dem nun mit einer Schaufensterinstallation der etwas anderen Art entgegen.

Das Auftauchen der Brüder Demna und Guram Gvasalia kam 2014 einem Erbeben gleich, dass die Modebranche auch drei Jahre später noch bis in die Grundmauern erschüttert: Alte Konzepte, wie etwa der reguläre Schauenplan, wurden über Bord geworfen, Regeln gekonnt missachtet und die üblichen Trampelpfade, auf denen sich die Branche über die Jahrzehnte in Sicherheit wiegte, verlassen. Eine Haltung, die Bewunderung und Empörung gleichermaßen hervorrief und sich nicht selten wie die überzogene Rebellion eines heranwachsenden Teenagers anfühlte. Dass diese durchaus berechtigt ist, stellte das Label nun auf New Yorks bekanntester und teuerster Einkaufsmeile unter Beweis.

Während die umliegenden Luxus-Boutiquen von Louis Vuitton bis Valentino bereits die Highlights der kommenden Herbst / Winter-Saison aufwendig und dekadent in Szene setzen, fällt das Schaufenster des Kaufhauses Saks Fifth Avenue völlig aus der Reihe. Statt edler Roben und Accessoires, tummeln sich in den Schaufenstern bergeweise alte Kleidungsstücke. An einigen Stellen erheben sich sogar Schilder, Kleiderbügel und Tüten aus den Untiefen des undefinierbaren Durcheinanders. Ein Anblick, der stark an eine ziemlich chaotische Wohnung oder einen Flohmarkt erinnert. Ganz sicher aber nicht an ein luxuriöses Kaufhaus in dem es – wie auf der Scheibe dezent in schwarzen Lettern hingewiesen wird – unter anderem die Laufsteg-Looks von Vetements zu kaufen gibt.

Ganz unberechtigt ist die ungewöhnliche Installation des Labels nicht. Saison für Saison verarbeitet Demna Gvasalia politische und gesellschaftliche Entwicklungen in seinen Kollektionen. Statt des üblichen Catwalks nutze er diesmal das Schaufenster als Bühne und erreicht somit auch diejenigen, die nicht an seinen Schauen teilnehmen dürfen. Der Berg an Klamotten, der zum Teil aus Spenden von Mitarbeitern und nicht verkaufter Ware des Stores stammt, soll vor allem eines: Aufmerksam auf die Verschwendung und den exzessiven Konsum machen, die nicht nur vor allem aber die Modebranche betrifft. Was vor Kurzem noch auf den anmutigen Schaufensterpuppen zur Schau gestellt wurde und auf die Kleiderbügel gehängt wurde, ist im nächsten Augenblick schon wieder Geschichte und wird durch eine neue Flut an Trends verdrängt. Ein ewiger Kreislauf, der nicht nur den heimischen Kleiderschrank an seine Grenzen bringt. Gleiches gilt auch für unsere Ressourcen und die Menschen, die aus ihnen die Shirts, Kleider und Hosen fertigen, die jeden Monat aufs Neue unsere Begehrlichkeit wecken.

Verharmlosen oder kleinmachen lässt sich das Problem längst nicht mehr. So auch nicht der Kleiderberg, der Nacht für Nacht um weitere Zentimeter in die Höhe wächst und der Gesellschaft das Problem der Fast Fashion damit knallhart vor Augen führt. Ob die Installation ihre Wirkung zeigen wird, ist fraglich. Oder, wie es ein altes, indianisches Sprichwort die heutige Lage kaum treffender auf den Punkt bringen könnte: „Only when the last tree has dies and the last river been poisoned and the last fish been caught, we will realise we cannot eat money“ Ganz umsonst wird sie ganz sicher nicht sein:  Am 10. August werden die Kleidungsstücke nicht einfach entsorgt, sondern an die Organisation ReWearable gespendet. Die getragenen Stücke werden von dem Unternehmen aufarbeitet, wodurch ganz nebenbei auch noch Arbeitsplätze für behinderte Menschen geschaffen werden.

Veröffentlicht in: Mode

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