Haute Furore

Früher genoss der Pelz ein ähnlich hohes Ansehen wie ein Diamantenring von Tiffany & Co. – mittlerweile ist er verpönt. Doch nicht alle Labels wollen auf den vermeintlichen Luxus verzichten. 

Dass das italienische Modehaus Fendi seine Haute Fourrure-Kollektion glücklicherweise NUR EINMAL im Jahr vorstellt, könnte man fast als ethisch und nachhaltig bezeichnen. Wäre da nicht ein einziger Haken: Die Tiere, die für die Kundinnen ihr hübsches Fell lassen müssen und der „ach so glamourösen“ Schau damit einen bitteren Nachgeschmack verleihen. Daran konnte auch das wundervolle Setting eines verwunschenen Blumengarten nichts ändern, in dem die Kreationen von Karl Lagerfeld für die bevorstehende Herbst / Winter-Saison vorgeführt wurden. Während sich die einen Notizen machten oder ein schnelles „I was here“-Foto für Instagram uploadeten, hielten die heimlichen Gegner die Füße still. „Wie kann man im Jahr 2017 immer noch Echtpelz zeigen?!“, möchte man angesichts der flauschigen Kleider, Jacken, Mäntel und Accessoires am liebsten laut rufen. Das Modehaus selbst hält von der Revolte herzlich wenig. „Dieses Anti-Pelz-Thema ist für mich kein Thema.“ gab es der Geschäftsführer Pietro Beccari 2015 in einem Interview kurz vor der Schau einmal zu Protokoll. Es wird bei Fendi also auch weiterhin munter das Fell abgezogen, rasiert und in den schrillsten Farben gefärbt. Schließlich soll die Society Lady im tiefsten Winter nicht unterkühlen, wenn sie die drei Meter von der Limosine bis zu ihrem Penthouse auf der Fifth Avenue zu Fuß zurücklegen muss.

Verkehrte Welt. Während über die Ladentheken der Fendi-Boutiquen in Mailand, Paris und New York Pelze in Wert von etwas über einer Viertel Millionen gehen, verbannen immer mehr Modelhäuser die echte Variante aus ihrem Sortiment. Das deutsche Label Boss verpflichte sich beispielsweise bereits im vergangenen Jahr kein echtes Tier mehr an die Körper von Models und Käufern zu lassen. Mit dem Fake-Fur-Entwürfen aus den Achtziger oder Neunziger Jahren haben die heutigen Modelle jedoch nichts mehr gemeinsam. Auch ein Unterschied zum Original lässt sich mittlerweile nämlich kaum noch feststellen. So richtig salonfähig machte ihn aber erst das Londoner Label Shrimps. Bereits während ihres Studiums am London College of Fashion spezialisierte sich Gründerin Hannah Weiland auf Jacken und Mäntel aus Kunstpelz und eroberte die Kleiderschänke 2013 im Sturm. Vor allem Celebrities bekommen von ihren ausgefallenen Kreationen nicht genug: Übermodel Kate Moss besitzt einen, It-Girl Poppy Delevigne geht im Winter nie ohne aus dem Haus und auch Alexa Chung und Net a Porter Gründerin Natalie Massenet haben einen in ihrem Kleiderschrank. Damit die Pelze so echt wie möglich wirken, setzt die 27-jährige Londonerin auf einen Mix aus Synthetikfasern und schonend gewonnenem Naturhaar. Eine Methode, auf die auch die italienische Label Ainea baut – anders als Shrimps aber noch ein ganzes Stück weiter geht. Der selbst ernannte „Hightech Fur“ wird nicht nur mit Wolle, Alpaca oder Mohairhaaren aufgepimpt, sondern im Anschluss auch noch einer speziellen Nachbehandlung unterzogen. „Wir können den Pelz damit noch weicher, glänzender und dichter machen“, so der Designer Andrea Ainea.

Der Tierschützerin und Veganerin Stella McCartney kämen Verfahren dieser Art nicht ins Atelier. Noch bevor Fake-Fur und Fake Leather größere Beachtung fanden, verzichtete die Britin auf tierische Produkte in ihren Kollektionen. Der Zeit voraus war McCartney aber nicht nur mit der Gründung ihres gleichnamigen Labels im Jahr 2001. Anfang der 80er entwarf die damals 12-Jährige bereits eine rosafarbene Bomberjacke aus Kunstwildleder. So chemisch riechend und hässlich wie in der Vergangenheit ist Lederimitat heute zum Glück nicht mehr. 2009 lieferte McCartney mit dem Handtaschenmodell „Falabella“ den Beweis. Die Tote Bag mit den markanten Kettendetails zählt nicht nur zu den absoluten Bestsellern des Labels, sie macht vor allem deutlich, dass der Verzicht auf softes Leder keinen Unterschied macht. Gleiches gilt für die Fake Fur-Entwürfe, die immer wieder in den Kollektionen der 43-Jährigen zu finden sind. „Viele Frauen haben mich nach einer Alternative zu echtem Pelz gefragt. Also dachte ich mir: Dann entwerfe ich doch gleich einen richtig gut gemachten ‚pelzfreien Pelz‘, der jedes Bedürfnis nach echtem Tierfell auslöscht“. Statt unschuldiger Tiere (die kommen höchstens als Statisten in den Kampagnen vor) kommt bei der Britin nur Modacryl zum Einsatz.

Die Toleranz für kuschelweiches Fell nimmt aber nicht nur bei den Modelabels immer weiter ab. Auch Retailer wie Selfridges, Liberty oder der Onlineshop Net-a-Porter sprechen sich gegen den Verkauf und das Tragen von Echtpelz aus. Letzteres Unternehmen verzichtet auf diesen sogar in den Editorials, die für das hauseigene Porter Magazine entstehen. Und die Redakteurinnen? Sollen dem Fummel am besten auch gleich daheim lassen. Ein Entschluss, zu dem sich kürzlich auch die französische Vogue hinreißen ließ. Statt den Leserinnen die kühlen Monate mit wärmendem Nerz, Kaninchen, Fuchs und Marder geradezu schmackhaft zu machen, wurde in der August-Ausgabe ausschließlich Fake Fur gezeigt. Für das Cover wurde niemand Geringeres als die bekennende Tierschützerin Gisele Bündchen ausgewählt, die sich im vergangenen Jahr beispielsweise an der „Wild for Life“-Kampagne der Vereinten Nationen beteiligte. Für das Fotografen-Duo Inez & Vinoodh hüllte sich das Model aber nicht nur in die schönsten Fake-Fur-Kreationen, sie durfte auch mit einem Babykänguru, Hasen und sogar Fuchs kuscheln. „Ich bin so glücklich, dass Vogue Paris dieses Heft dem Tierschutz gewidmet hat und eine starke Botschaft sendet, dass es niemals eine Option ist, echten Pelz zu tragen“, äußerte sich die 36-Jährige dazu auf ihrem Instagram Account. Schöner konnte eine Hommage an die Tierwelt, die gleichzeitig auch einen eleganten Seitenhieb gegen Labels wie Fendi markiert, nicht ausfallen.

Ob Signore Beccari dies im Hinblick auf schwindende Umsatzzahlen immer noch so entspannt sehen wird? Vielleicht kann ja ein Körbchen mit süßen Hasenbabys für den entscheidenden Sinneswandel sorgen…

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Image: Gisele Bündchen for Vogue Paris by Inez & Vinoodh

Veröffentlicht in: Mode

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