The Perfect V(AIL)

Die Schönheitsindustrie lässt sich einiges einfallen, damit der Geldbeutel der weiblichen Gesellschaft geöffnet bleibt. Absurde Mittelchen sind dabei keine Seltenheit. Jüngstes Produkt geht jedoch eindeutig unter die Gürtellinie. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Brauen, Brüste, Bauch: Es gibt kaum ein Körperteil, dass vom Markt noch nicht auf seine Optimierungsfähigkeiten abgeklopft wurde. Doch was kommt, nachdem die Waden verschmälert, die Wimpern verdichtet und die Pobacken einem Lifting unterzogen wurden? Im schlimmsten Fall wird einfach so lange weitergeschnippelt, bis nichts mehr übrig ist – wie etwa vom ursprünglichen Gesicht. In Hollywood gehört dieser Look schließlich ohnehin genauso dazu wie das Fiji-Wasser aus der Plastikflasche. Sollte nach dem 100. Eingriff dennoch Langeweile aufkommen, steht die Schönheitsindustrie längst mit einer neuen Behandlungsmöglichkeit in den Startlöchern. Vorher eher unbeachtet, wandert der Blick auf der Suche nach Tuning-Potenzial seit Neuestem immer öfter zwischen die Beine. Während Health-Guru Gwyneth Paltrow für ihre Empfehlung zum Intim-Dampfbad in der Vergangenheit noch belächelt wurde, könnte der Hype um „Down Under“ heute kaum größer, vor allem aber verrückter sein. Da sind Schamlippenverkleinerung, Intim-Bleaching und vaginale Straffungen fast schon wieder Mainstream.

Für den jüngsten Hype ist Paltrow zwar nicht verantwortlich, im Hinblick auf die Absurdität hätte sie sich jedoch ganz sicher ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Südkorea liefern können. Schließlich haben die ausgefallensten Beauty-Produkte – wie Handcremes in Bananenform oder Vliesmasken mit Panda-Aufdruck – hier ihren Ursprung. Das Produkt der Stunde dürfte aber selbst den experimentierfreudigen Koreaner eine Spur zu abgefahren sein. Erfunden wurde es in Dänemark, wo bekanntlich allerhand begehrenswertes herkommt: Scandi-Chic, Spielzeug von Kay Bojesen, Hygge… Bei einem Produkt hätten sich unsere Nachbarn im Norden aber gerne zurückhalten können: dem Highlighter für die Vagina.

Das Wundermittel aus dem Sortiment der Firma „The Perfect V“ verspricht die Vulva extra schön zu machen. „Beispielsweise wenn das erste Date naht“, so die Gründerin Avonda Nelson Urben. Nach dem Auftragen des sogenannten „Luminiziers“ soll die Haut so deutlich ebenmäßiger und perfekter erscheinen. Beim ersten Treffen aufs Ganze zu gehen mag die verkorkste Tinder-Gesellschaft längst nicht mehr beeindrucken. Umso schockierender dagegen: Welcher Mann  interessiert sich wirklich ernsthaft dafür, ob die Haut dort unten glatter oder gar begehrenswerter aussieht als sonst? Spätestens dann, wenn das Blut sich seinen Weg in gewisse Körperregionen bahnt, dürfte das Meiste ohnehin vergessen sein. Die Frau lässt derweil den vaginalen Supergau über sich ergehen. In der Hoffnung, dass er das eingewachsene Haar nicht auch noch bemerkt.

Nachdem Industrie und Gesellschaft die Dehnungsstreifen, Fettpölsterchen und zu schmalen Lippen für einen Moment vergessen haben, wird nun also der Intimbereich zur nächsten Problemzone ernannt. Doch sollte Sex ursprünglich nicht mit Spaß verbunden sein? Wenn sich unzählige Frauen jetzt auch noch darüber Gedanken machen, wie ihre Vagina beim Akt auszusehen hat, dürfte es damit endgültig vorbei sein. Wird in Zukunft vorher wohlmöglich noch die optimale Liegeposition ermittelt, damit das Geschlechtsteil optimal zur Geltung kommt? 

So absurd das alles auch klingen mag. Der Wunsch nach einer perfekten Vagina – oder vielmehr Performance Vehikel – kommt nicht von ungefähr. Was die Sexualpraktiken angeht, hält die Pornoindustrie bereits seit längerem Einzug ins Schlafzimmer. Das jetzt auch noch die Vulva unter dem völligen Realitätsverlust zu leiden hat, war also nur eine Frage der Zeit. Mit dem völlig überzogenen Make-Up, wie es vor allem Pornodarstellerinnen tragen, schmückt sich ein Großteil der Frauen ja ohnehin schon: 10 Schichten wasserfeste Foundation, Concealer, größer geschminkte Lippen… Warum also nicht auch noch das Geschlechtsteil Kamera-Ready machen, wenn das halbe Leben sowieso nur noch von einem extra schmeichelndem Filter durchzogen wird?

Vor allem Ärzte und Firmen nutzen diese Trendbewegung schamlos aus um Frauen deutlich zu machen, wie ungenügend sie offenbar sind. Stimmt. Wie konnten wir uns nur ohne Nasenkorrektur und G-Punk-Unterspritzung jemals auf die Straße trauen?! Als Reaktion auf den vorherrschenden Untenrum-Trend beziehen Instagram-Accounts wie „The Vulva Gallery“ und „Club Clitoris“ klare Stellung. Und die kommt alles andere als zurückhaltend daher. Statt sich darüber zu sorgen, ob die Schamlippen in das vermeintliche Idealbild der Industrie passen, wird die Vagina hier so gefeiert, wie sie ist: Schön – und zwar ohne dabei auf dem OP-Tisch gelegen zu haben oder mit einem Highlighter bearbeitet worden zu sein.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Vagina wieder in Vergessenheit gerät. Schließlich dreht sich das Makel-Roulette kontinuierlich weiter. Wo es diesmal stehen bleiben wird? Vielleicht ja beim Gehirn? Eine Unterspritzung mit zusätzlicher Hirnmasse würde dem einen oder anderen sicherlich nicht schaden.

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Image: Gucci by Mario Testino

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