OH…Nein

Schneller, länger, besser – gilt längst nicht mehr nur im Gym oder beim Joggen. Ausdauer und Kraft werden seit Neuestem nämlich vor allem dort gemessen, wo man es am wenigsten vermutet: im Schlafzimmer.

Wir tracken unsere sportlichen Erfolge, tragen die aufgenommene Nahrung peinlich genau in den Kalorienzähler ein, zählen unsere Schritte und kontrollieren unseren Schlaf über ausgeklügelte Apps auf dem Smartphone. Das ausgewertete Profil gibt nicht nur Aufschluss darüber, ob der innere Schweinehund mal wieder dringend überwunden werden sollte, es zeigt auch, wie kontrolliert viele mittlerweile mit ihrem Leben umgehen. Halt macht der andauernde Hype um das verbesserte Selbst vor kaum etwas. Es wird gemessen und perfektioniert, wo es nur geht. Warum also nicht auch der Sex?

Wenn es darum geht, die Beziehung zum Partner zu retten oder ein bisschen Abwechslung in den bereits perfekt einstudierten Akt zu bringen, sind Toys, ungewöhnliche Praktiken oder sogar neue Beziehungsmuster längst keine Seltenheit mehr. Anders sieht es dagegen mit einer Reihe an Gadgets aus, die Sex nun zu einer messbaren Einheit machen und das Sexleben ihrer Nutzer auch noch gleich verbessern wollen. Ausgerechnet das amerikanische Unternehmen Apple – das in der Vergangenheit schon mal einen zu freizügigen Bildband zensierte, auf dem Brüste zu sehen waren – erweiterte die beliebte Health App während eines Updates um die Kategorie „Sexuelle Aktivität“. Nutzer können so nicht nur bequem verfolgen, wann sie das letzte Mal Sex hatten, sondern auch noch gleich sehen, wann dieser war, wie lange er dauerte und ob dabei verhütet wurde oder nicht. Während Frauen in Verbindung mit einem Menstruationskalender noch einen halbwegs vernünftigten Nutzen aus der Erweiterung ziehen können, dürfte die Funktion vor allem Egomanen freuen. Gleiches gilt für den „Sex Keeper“. Einer Art App-Tagebuch, in der die Anzahl der Sexpartner, die Dauer des Geschlechtsverkehrs und die dabei verbrannten Kalorien gespeichert werden können. So braucht man beim Prahlen nicht mehr durch die Tinder-Galerie wischen, sondern kommt bei seinem Kollegen ab sofort gleich zur Sache. Gewählt werden muss nur noch zwischen einer täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Ansicht. Fehlt nur noch eine Tabelle, in die gleich im Anschluss an die „schönste“ Nebensache der Welt eine Schulnote von 1 bis 6 abgegeben werden kann. Für die betreffende Person bleibt nur zu hoffen, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg ins eigene Bett befindet.

Während erstere Hilfestellungen eher für einseitige Befriedigung sorgen, versucht „Lovely“ Frauen und Männer gleichermaßen zufriedenzustellen. Hinter dem unscheinbaren Penisring steckt jedoch weit mehr, als Träger und Partnerin auf den ersten Blick vermuten. Übergezogen funktioniert der tropfenförmige Silikonring mit Vibrationsfunktion nämlich wie eine Art Sportsracker. In der dazugehörigen App finden sich aber nicht nur Infos zum Kalorienverbrauch. Selbst die Bewegungen, welche Stellung zum Einsatz kam und sogar über die G-Kraft und maximale Geschwindigkeit will das kleine Gerät bescheid wissen. Was wurde eigentlich aus den klaren Ansagen, mit denen man seinem Partner noch mitgeteilt hat, was einem gefällt und was nicht? Bisher scheint es doch auch ganz gut ohne funktioniert zu haben. Oder haben uns Whatsapp und Co.  schon so sprachlos gemacht? 

Statt uns anzunähern und auszutauschen,  wandert der Blick selbst in dieser Hinsicht also wohl demnächst öfter auf die Smartwatch oder das Handy. Ob durch den Einsatz der Geräte wirklich das Sexualleben verbessert wird, dürften wohl nur die Verwender selbst wissen.  So lange Sex bei den Olympischen Spielen nicht als neue Disziplin eingeführt wird, dürften die vermeintlichen Optimierungs-Tools ohnehin wenig nützen. Sollte Ihnen demnächst  also jemand mit einem verdächtigen Ring oder Smartphone neben der Matratze unterkommen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um den amtierenden Goldgewinner in der Kategorie „Dinge, die die Welt (und Frau)“ definitiv nicht braucht.

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Image: Mert Alas & Marcus Pigott for Vogue Italia September 2017

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