Federführend

Samt, Brokat, Wolle… In der kommenden Saison wird wieder dick aufgetragen. Doch auch die gefiederte Light-Version kann sich sehen lassen und setzt auch noch gleich ein feministisches Zeichen. 

Sich mit falschen Federn zu schmücken kann fatale Folgen haben. So warnt die Fabel des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing etwa bereits seit 1759 davor, es der Krähe auch nur annähernd gleich zu tun. Nachdem sie sich mit den ausgefallenen Federn der Pfauen aufhübschte, wagte sie es doch glatt sich auch noch unbemerkt unter die stolzen Tiere zu mischen. Doch schon nach kürzester Zeit fiel der Schwindel auf und die Krähe wurde als armselige Närrin enttarnt und verjagt. 

In der bevorstehenden Herbst / Winter-Saison darf jedoch gerne eine Ausnahme gemacht und ohne schlechtes Gewissen zugeschlagen werden. Sich wie die einfältige Krähe in der Natur auf die Pirsch nach schmucken Federn begeben oder dem Pfau im Zoo auflauern, muss zum Glück niemand. Die Boutiquen sind nämlich voll von roten, weißen, schwarzen und sogar rosafarbenen Federn . Anders als bisher, kommen sie aber nicht mehr nur als schmückendes Beiwerk daher, das in der Vergangenheit oftmals als oberflächlicher oder gar umständlicher Firlefanz abgestempelt wurde. Gezielt eigesetzt verleihen sie dem Outfit nicht nur elegante Leichtigkeit und einen Hauch dezente Dramatik, sie unterstreichen insbesondere die eigene Weiblichkeit. Miuccia Prada setzte letzteres vor allem für ihre aktuelle Herbst / Winter-Kollektion für Prada eindrucksvoll in Szene. Bei ihren Entwürfen ließ sich die italienische Designern von dem Widerspruch „intelligent und schön sein zu wollen“ leiten: Dem klassischen Pencil Skirt verleiht sie durch den Einsatz bunt eingefärbter Marabu- und Straußenfedern am Saum eine verspielte Note – jedoch ohne die Trägerin ins Lächerliche zu ziehen oder gar ihren Intellekt (insbesondere in modischer Hinsicht) anzuzweifeln.

Mica Arganaraz in einem Look aus der aktuellen Autumn / Winter-Kollektion 2017 von Calvin Klein

Obwohl die Feder durch ihre zarte Erscheinung eher zerbrechlich wirkt, steht sie gleichzeitig auch für Mut, Stärke und Kraft. Bei den Indianern gibt sie seit jeher Aufschluss über die Macht und Stellung des Stammoberhauptes. Im Großstadtdschungel wird sie zum perfekten Accessoire für die emanzipierte Frau von heute, die vor allem eines im Sinn hat: Ihren eigenen Weg und diesem auch unbeirrt folgt. Auch dann, wenn ihr dabei störrische Personen wie etwa Donald Trump in die Quere kommen. Ihren eigenen Willen stellt auch die Calvin Klein Trägerin nur allzu gerne unter Beweis. Im filigranen Federkleid hält sie Außenstehenden ihre Weiblichkeit neckisch unter die Nase, während eine durchsichtige Plastikhülle den Look kontrastiert. Was die anderen von dieser ungewöhnlichen Kombination halten könnten, ist ihr herzlich egal. Gleiches dürfte sich wohl auf der Brite J. W. Anderson bei den Kreationen seines gleichnamigen Labels gedacht haben. Zum mit Staußenfedern besetzten Trägerkleid kombinierte der 32-Jährige nicht etwa schwindelerregende Heels und nackte Haut, sondern lässige Sneaker und Glitzershirt.

Statt sich von Außerhalb etwas aufzwängen zu lassen, macht Frau nämlich vor allem endlich das, wonach ihr ist: Die Chefetage erklimmen, beim Gehalt auf den Tisch hauen, den Partner in Elternzeit schicken und auch sonst für ihre Rechte einzustehen. Ob sie dabei auf federnden Beistand setzt, bleibt ihr überlassen. Vorsicht ist jedoch nur dann geboten, wenn es sich um ein Exemplar mit rotem Punkt handelt. Bei manchen Indianerstämmen gelten die Träger nämlich als besonders furchterregend.

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Image by The Double F / Craig McDean

Veröffentlicht in: Mode

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