Yes We (Can)nabis

Als stilvoll oder gar salonfähig gilt Cannabis nun nicht gerade. Mit der voranschreitenden Legalisierung in den USA erlebt die Pflanze jedoch einen Höhenflug der besonderen Art und macht dabei selbst vor edlen Dinnerpartys keinen Halt mehr.

Lady Gaga nutzt es als kreativen Denkanstoß beim Schreiben von neuen Songs, Schauspielerin Susan Saradon macht sich vor großen Events gerne mal mit einer kleinen Portion locker und Rihanna sieht man auf Instagram nur selten ohne. Obwohl der Besitz und das Rauchen von Cannabis erst in acht von insgesamt 50 US-Bundestaaten erlaubt ist, wird der schrittweisen Legalisierung ähnlich erwartungsvoll entgegengefiebert wie dem jährlichen Super Bowl. Kalifornien etwa – wo die Legalisierung erst ab Januar kommenden Jahres erfolgt – wird jedenfalls schon jetzt als das Cannabis-Mekka schlechthin gehandelt. Welche Dimensionen sich hinter dem „Grüne Geschäft“ verbergen, machte das Unternehmen American Green Inc. kürzlich besonders deutlich.  Für seine Projekte sicherte sich der größte Produzent des Landes gleich eine ganze Stadt. Der geschätzte Kaufpreis für die kleine Gemeinde Nipton: 5 Millionen Dollar. Über Geld spricht man schließlich nicht so gern – über Drogen dafür in Zukunft umso häufiger und (!) offener.

Bevor in Kalifornien und weiteren Bundesstaaten das Tütchen Grünzeug jedoch genauso gewohnt in den Einkaufskorb wandert wie der organische Salat und die Mandelmilch, wird es zwar noch etwas dauern. Der Markt wächst jedoch schon jetzt rasant und zeigt sich dabei ironischerweise auch noch von seiner vorzeigbarsten Seite. Mit filzigen Dreadlocks und schlecht gedrehten Joints hat Cannabis nämlich längst nichts mehr zu tun, wie etwa die amerikanische Vogue beweist. Die erhob das Kraut nämlich jüngst zum unverzichtbaren Accessoire für die Küche. Neben Tipps zu schwungvolleren Wimpern und einem flacheren Bauch, findet sich auf der Webseite auch ein detaillierter Plan darüber, wie man als perfekte Gastgeberin eine Cannabis Party schmeißt. HIGHlights natürlich inklusive. Befragt wurde hierzu niemand geringeres als die Köchin Andrea Drummer, die bei ihrer Haute Cuisine bereits seit längerem auf die bewusstseinserweiternde Beilage als besonderes Extra schwört.

Um in den Genuss von Kreationen wie Hummer Étouffée oder Gurken Melonen Salat mit Cannabis-Reduktion zu kommen, müssen aber  keine fragwürdigen Deals in einem zwielichtigen Hinterhof von Los Angeles ausgehandelt werden. Über die Webseite ihres Unternehmens Elevation VIP Cooperative können die extravaganten Gerichte für das private Dinner oder das etwas andere Catering nämlich ganz diskret bestellt werden. Wer sich lieber selbst als C-Chef versuchen möchte, wird auf dem Blog Sous Weed von Monica Lo fündig. Um den Schmerz nach einem Bandscheibenvorfall erträglicher zu machen, begann die Amerikanerin kleinere Mengen Cannabis in ihre Gerichte zu mischen. Eher zufällig entstand so die Idee zu ihrer Webseite, auf der die Fotografin und Autorin des Buches „Sous Vide at home“ simplen Gerichten wie Tomaten Gazpacho oder der beliebten Acai Bowl den besonderen Kick verleiht. Halt macht sie dabei auch nicht vor Cocktails wie dem Old Fashioned, von dem sicherlich nicht nur Don Draper ziemlich begeistert gewesen wäre. Bewusstseinserweiternde Mittelchen sind zur Steigerung der Kreativität schließlich längst kein Geheimnis mehr. Selbst William Shakespeare soll zum berüchtigten Stoff gegriffen haben, wie südafrikanische Forscher im Jahr 2015 herausfanden. In einem aufwendigen Verfahren konnten in rund acht von 24 Tonpfeifen Cannabisreste nachgewiesen werden. Ob Shakespeare auf dieses auch bei der Fertigstellung seiner  Tragödie Romeo und Julia zurückgegriffen hat, wird aber wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Hanf oder nicht Hanf. Für Scott Campbell dürfte sich die Frage bei der Gründung des Unternehmes Beboe wohl erübrigt haben. Der Künstler aus New York ist nicht nur berüchtigt für seine Tattoos, die Körper von Celebrities wie Marc Jacobs, Orlando Bloom und Co. zieren, sondern auch für das wohl exklusivste Cannabis in ganz Amerika –  auch bekannt als The Hermès of Mariuhana. Campbells Interesse für die Pflanze wurde jedoch nicht geweckt als der siffige Joint während einer Party die Runde machte, sondern von niemand geringeres als seiner Großmutter. Um die vom Krebs verursachte Übelkeit von Scott’s Mutter einzudämmen, backte sie stets zwei Tabletts mit Schoko-Brownies, von denen sie eines mit Cannabis präparierte. Den Grund, warum Scott Campbell und seine Geschwister nie von „Mommie’s Brownies“ essen durften, sollten sie jedoch erst Jahre später herausfinden. Als Hommage an seine Großmutter gründete Campbell schließlich Beboe. Neben Pastillen mit 5 Milligram THC, gehört auch ein Vaporzier in Roségold zum Sortiment, an dem sich auch schon Modedesigner Alexander Wang für seine Goodie Bag zur New York Fashion Week bediente. Für ein rauschendes Fest dürfte damit wohl auch abseits des Catwalks bestens gesorgt worden sein.

Doch Rausch ist nicht gleich Rausch. Bei Diego Pellicer in Seattle nimmt dieser schon mal die ungewöhnliche Form von Erdnussbutter an. Nachdem Mariuhana in US-Bundesstaat Washington 2012 auch als Genussmittel zugelassen wurde, zögerte CEO und Gründer Jamen Shively nicht lange. Statt beim Softwarekonzern Microsoft seine Karriere als Manager fortzuführen, dealt der 48-Jährige heute lieber im großen Stil mit Cannabis. Noch im selben Jahr eröffnete er das unscheinbare Geschäft direkt am Hafen. Einem Ort, an dem man den Austausch durchsichtiger Tütchen höchstens auf dem angrenzenden Parkplatz der KFC Filiale vermuten würde. Hat man die massive Holztür der 2215 4th Ave S jedoch einmal hinter sich gelassen, erstreckt sich ein schier endloser Cannabis-Kosmos vor dem Auge des Betrachters. Umgeben von Marmor, aufwendigen Mosaiken und imposanten Säulen wird jedoch erst beim genaueren Blick in die Auslagen deutlich, dass hier weder Juwelen noch sündhaft teure Kleidungsstücke über die Ladentheke gehen, sondern feinstes Mariuhana in all seinen Facetten. Das Angebot erstreckt sich dabei über eine ähnlich imposante Bandbreite wie das Craft Beer-Regal in so manchem Supermarkt. Auch preislich gibt es so ziemlich alles, wovon Liebhaber hierzulande nur träumen können: Ob der klassische Keks mit Oatmeal, Canberry und 60 Milligramm THC , den vorgedrehten Joint für fünf Dollar, oder die mit Harz und Blütenstaub gepuderte Blüte für rund 1000 Dollar das Stück. Selbst eine in Grasblätter gehüllte Zigarre mit ganzen 28 Gramm Mariuhana wurde hier schon für sagenhafte 3.600 Dollar verkauft und ist damit in etwa so teuer wie ein klassischer Verlobungsring von des französischen Edel-Juweliers Cartier.

Während Amerika sich also nach und nach dem Vollrausch hingibt, scheint hier schon die bloße Aussprache des bösen C-Wortes mit einem Verstoß des Betäubungsmittelgesetzes geahndet zu werden. Falls die Regierung sich demnächst dennoch zu einer Legalisierung durchringen kann, muss die Wartezeit jedoch nicht mit schnöden Hanfsamen im Müsli überbrückt werden. Bob Marley’s Familie hat für diesen Fall bereits vorgesorgt und gründete das Beauty-Label Marley Natural. Body Wash, Lip Balm, Body Lotion und Seife enthalten neben ätherischen Auszügen aus Lemongrass, Cerasse und Kokosnuss nämlich auch hochwertiges Hanfsamen-Öl. Der Rausch bleibt zwar aus, aber schließlich zählt der Wille und der lautet aktuell eindeutig: YES WE (CAN)NABIS!

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Images: by Alique for Vogue Paris May 2017 / Beboe