Das große Krabbeln

Bakterien? Bloß nicht. Oder doch? Die Kosmetikbranche bringt die kleinen Organismen gerade ganz groß raus. Und zwar mit Wow statt Ekelfaktor.

Duschen, exfolieren, cremen…— für den amerikanischen Chemiker David Whitlock spielt all das keine Rolle. Während es für den Großteil das Normalste und Selbstverständlichste der Welt ist den Weg in die Dusche anzutreten, greift der Amerikaner morgens lediglich kurz zur Sprühflasche. Wenige Pumpstöße später – bei den Meisten dürfte da wohl erst der Conditioner einwirken – ist er fertig. Sich in die Dusche stellen oder gar ein Bad nehmen? Kommt für ihn nicht in Frage.

Laut eigener Aussage ließ sich Whitlock zuletzt vor ungefähr 12 Jahren von seinem Brausekopf berieseln. Dahinter steckt jedoch nicht etwa die strikte Anti-Haltung gegenüber dem vorherrschenden Hygienewahn, sondern ausgeklügelte Wissenschaft. Als ihn seine Bekannte fragte, warum sich ihr Pferd immer wieder in Dreck und Staub wälzen würde, untersuchte der Chemiker kurzerhand den Boden im Bostoner Pferdestall und entdeckte darin das Bakterium Nitrosomonas eutropha. Eine Gattung, die sich vornehmlich von Ammoniak ernährt – wie er beispielsweise auch im Schweiß vorhanden ist. Pferde wälzen sich also nicht grundlos im Dreck, sondern zur Körperpflege. Die Theorie alleine reichte ihm aber noch lange nicht und so unterzog sich Whitlock gleich dem Praxistest. Fortan besprühte er sich mit einem batteriehaltigen Sud, statt unter die Dusche zu springen. Das verblüffende Ergebnis: Die Haut fühlte sich nicht nur sanfter, weniger trocken und schuppig an, sie sah auch erstaunlich sauber aus. Auch vom gefürchteten Geruch fehlte jede olfaktorische Spur.

Als „Mother Dirt“ verkauft David Whitlock die ungewöhnlichen Flüssigkeit mittlerweile in die ganze Welt. Beim Wunderspray alleine ist es aber längst nicht mehr geblieben. Auch Shampoo, Moisturizer und Duschgel gehören zum Sortiment. Die Haut soll sich bei regelmäßiger Anwendung nicht nur verbessern, sondern auch nur so vor Gesundheit strotzen. Neben der transpirationsliebenden Mikrobe Nitrosomonas eutropha setzt Whitlock außerdem auf eine Mischung aus kultivierten Kleinstlebewesen und probiotischen Bakterien, wie sie auch im Joghurt zu finden sind. Die Formulierung interagiert und unterstützt so das menschliche Mikrobiom – genauer gesagt die Mikroorganismen, die sich auf der Haut tummeln.

Viel Beachtung erntete das komplexe System bisher nicht. In der Vergangenheit wurde es vor allem vom Darm und seinen herausragenden Fähigkeiten, wie sie etwa im Bestseller „Darm mit Charme“ bereits seit Jahren heruntergebetet werden, stets überschattet. Dabei beherbergt die Haut ein mindestens ebenso beachtliches Ökosystem, das den Fingerabdruck an Individualität fast noch überbietet. Ausgestattet wird der Mensch mit ihm bereits als Säugling, wenn er während der Geburt mit der Vaginalschleimhaut in Kontakt kommt. Forscher vermuten, dass sich dies besonders positiv auf das Immunsystem auswirken soll. Und Kaiserschnitt-Kinder? Noch bevor der Säugling an Mamas Brust kommt, wird er beim „Vaginal Seeding“ einer ordentlichen Bakterien-Dusche unterzogen. Hierfür wird das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt mit dem Scheidensekret der Mutter eingerieben. Was den letzten Schrei aus dem Kreißsaal angeht, sind Forscher und Experten aber noch geteilter Meinung.

Um das eigene Mikrobiom zu optimieren, ist es aber längst nicht zu spät. Auch im Dreck muss sich hierfür niemals wälzen, wie es David Whitlock mit seiner Produktreihe beweist. Immer mehr Kosmetikunternehmen wie Gallinée und Aurelia Pobiotic Skin Care wenden sich ab von aggressiven Inhaltsstoffen und entdecken die unsichtbaren Helfer für sich. Als besonders hautfreundliche gelten dabei nach wie vor Probiotika, die die natürliche Hautbarriere unterstützen und in einer Vielzahl von Produkten ihrer Beliebtheit alle Ehre machen. Eine Studie des Berliner Biotech-Unternehmes Organobalance fand im vergangenen Jahr aber noch viel mehr heraus. Das Milchsäurebakterium Lactobacilus brevis ist nicht nur in der Lage den Feuchtigkeitsverlust von trockener Haut zu minimieren, es lockt noch dazu gute „Artgenossen“ an. Gut möglich also, dass Hautkrankheiten wie Neurodermitis, Psoriasis oder gar Akne schon bald der Vergangenheit angehören könnten.

Mit den Produkten des niederländischen Unternehmens Gladskin scheint der Traum von strahlender Haut jedenfalls ein ganzes Stück näher gerückt zu sein. Während die Mikroben bei gesunder Haut dafür sorgen, dass ungebetene Gäste draußen bleiben, verbreiten sich diese bei einer gestörten Hautbarriere ungehindert weiter. Bei Akne und Rosazea ist es beispielsweise das  Bakterium Staphylococcus aureus. Bisherige Versuche, diese mit Antibiotika einzudämmen, killten so ziemlich alles, was sich dem Medikament in den Weg stellte. Gladskin dagegen hat es lediglich auf die bösen Bakterien abgesehen. Das enthaltene Enzym Endolysin greift dabei gezielt die Zellwände von Staphylococcus aureus an und zerstört sie. Durch die Analyse des Mikrobiom, dürfte aber noch weitaus mehr möglich sein. Pflege für Problemhaut könnte bei einer genauen Untersuchung der Bakterien perfekt auf die Bedürfnisse zugeschnitten werden. Auch eine jugendliche Mikrobenmischung, die für prallere und elastischere Haut sorgt, ist denkbar.

Bevor demnächst also wieder voreilig zum Sterillium gelinst oder ins Regal der Drogerie gegriffen wird, lieber einen Blick unters Mikroskop riskieren. 

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Image: Jamie Nelson for Vogue Portugal

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