Kurzer Prozess

Trends sind gewissermaßen dazu verdammt als Short Story zu enden, sobald sie für instatauglich befunden wurden. Nicht so der Bob. Die Frisur der Stunde zeigt sich von der Wegwerfmentalität nämlich gänzlich unbeeindruckt.

Schon Königin Kleopatra vertraute im alten Ägypten auf einen pagenähnlichen Schnitt, der – vorangetrieben von Coco Chanel und der Schauspielerin Louise Brooks – in den 1920er erste  Nachahmer fand. Gern gesehen war der burschikos anmutende Haarschnitt nicht. Bei einigen Ehepaaren soll er sogar zur Scheidung beigetragen haben, wenn Frau es wagte ihre Weiblichkeit auf dem Linoleumboden des Friseursalons zurückzulassen. Auf ihn verzichten wollte die weibliche Gesellschaft natürlich trotz der weitreichenden Kritik nicht. Wer es dennoch wagte, sich den verteufelten Haarschnitt verpassen zu lassen, ließ sich sicherheitshalber einfach eine Perücke aus den abgeschnittenen Strähnen machen. So ließ sich die „ehrenlose“ Frisur  – wie sie ein amerikanischer Priester bezeichnete – bestens verstecken. Für eine regelrechte Haarschneide-Welle sollte der Garçon-Style aber erst 43 Jahre später sorgen. 1963 verpasste der britische Friseur Vidal Sasson der Schauspielerin Nancy Kwan eine deutlich vereinfachte Variante, die mürrische Ehemänner, falsche Haarteile und zornige Priester fortan blass aussehen ließ. Und auch heute, 54 Jahre später, ist seine Beliebtheit ungebrochen. Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, scheint mit ihm jedenfalls schon auf die Welt gekommen zu sein.

So polarisierend der Bob auch sein mag, verlangt der Entschluss zum Kurzhaarschnitt noch immer eine gehörige Portion Mut. Oder jemanden wie Guido Palau, der – noch bevor man sich tiefer in ein „Ja“ oder „Nein“ verstricken kann – bereits zur Schere gegriffen hat. Ausgelöst hat der britische Hair Stylist den „Short Hair, Don’t Care“- Trend eher zufällig, als er die Mähnen der Models für die Präsentation zur Frühjahr / Sommer-Kollektion 2017 von Prada im Backstage-Bereich mit Glätteisen, Styling-Creme und Haarspray bearbeitete. Noch bevor die eigentliche Show beginnen konnte, machte der 55-Jährige im wahrsten Sinne des Wortes kurzen Prozess und schnitt einer Handvoll Models die Haare auf Kinnlänge.

Statt der erwarteten Tränen zeigten sich die Auserwählten (glücklicherweise) ziemlich begeistert. Das russische Newcomer-Model Milena Litvinoskaya schwärmte beispielsweise bereits kurz nachdem Palau die Schere zur Seite gelegt hatte von den „Komfortablen Vorzügen“, die so ein Bob mit sich bringt. Die Frühjahr / Sommer-Saison 2017 ist zwar längst gelaufen, die Scheren der Stylistin standen aber keineswegs still. Auch während der Schauen zu den diesjährigen Herbst / Winter-Kollektionen ließ es sich der Bob nicht nehmen aufwendigen Frisuren und Schnitten die Show zu stehlen und zeigte sich dabei so vielfältig wie noch nie: Ob sanft gelockt wie bei Max Mara, als messerscharfes Statement wie bei Ralph Lauren oder als Long Bob, der sanft die Schultern umspielt, wie ihn etwa Bella Hadid während der Victorias Secret Show trug. Models alleine haben es auf ihn natürlich längst nicht mehr abgesehen. Selbst Schauspielerinnen wie Mila Kunis und Sarah Jessica Parka oder gar Model Emily Ratajkowski machen für ihn Schluss mit ihren wallenden Mähnen.

Der Grund für die plötzliche Kurzentschlossenheit? Klingt so einfach wie plausibel: „Frauen wollen frei sein.“, so Promi-Hair-Stylistin Jen Atkin, die etwa für die vielfach kopierten Frisuren von Stars wie Kendall Jenner oder den Bob von Kim Kardashian verantwortlich ist. Statt stundenlang im Badezimmer zu stehen und die Haare in Form zu bringen, will Frau ihren Schopf lieber nur kurz durchschütteln und direkt in den Tag starten. Schließlich gibt es weitaus wichtigere Dinge zu tun als sich Gedanken darüber zu machen, ob die Haarsträhne auch noch Stunden später an Ort und Stelle sitzt. Beispielsweise die Karriereleiter erklimmen, das Projekt angehen, von dem man schon so lange träumt oder nebenbei  ganz easy den Spagat zwischen Kita und Lunch-Termin wuppen. Welcher Haarschnitt, wenn nicht der Bob, könnte die Frau von heute und ihre hart erkämpfte Freiheit schon besser widerspiegeln?  „Eine Frau, die ihre Haare schneidet, ist dabei ihr Leben zu ändern.“, sagte Bobanhängerin Coco Chanel einmal. 2017 fügen wir dem einfach noch ein charmantes „Oder gleich die ganze Welt“ hinzu.

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Image: Sam Rollinson by Tom Munro for Vogue China, July 2014

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