Drama, Baby?

In der aktuellen Mode geht es schriller zu als auf so mancher Kostümparty. Tragbarkeit und Ästhetik sind ihr fremd. Was ist aus nur aus richtiger Mode geworden? Ein Plädoyer für „Weniger ist mehr“.

Schwere Samtvorhänge, gedämpftes Licht und schlichte schwarze Stuhlreihen säumten den Catwalk im Palais de Justice in Paris. Von der gewohnten Geschmacklosigkeit, wie sie mittlerweile viele Labels Saison für Saison vollführen, fehlte aber jegliche Spur.

Mit ihrer Autumn / Winter Ready to Wear-Kollektion für Givenchy sorgte Chefdesignerin Clare Waight Keller vielmehr für sanfte Entschleunigung vom aufgetakelten Modezirkus. Und zwar nicht nur im Hinblick auf das Ambiente, sondern auch auf dem Catwalk. Statt grotesk anmutender Kleidungsstücke, in denen man sich nicht mal dann nach draußen trauen würde, wenn es die letzten im Kleiderschrank wären, schlug Keller bewusst leise Töne an. Klassisches Tailoring traf etwa auf überraschende Details wie Lederwesten, Leo und dezente Farbtupfer in Edelsteinfarben wie Kupferrot, Petrol und Senfgelb. Während bei Balenciaga auch nach zehn übereinandergeschichteten Jacken noch nicht für genug Aufsehen gesorgt wurde, überzeugten die Stücke der Britin in ihrer schlichten, jedoch nicht minder aufregenden Erscheinung.

Eine Sichtweise, die auch der kürzlich verstorbene Designer Hubert de Givenchy stets zu schätzen wusste. Bereits 2014 erkannte er das Aufkommen der neuen „Ästhetik“ und nahm im französischen Crash Magazine kein Blatt vor den Mund: „Luxury has become everything that is flashy. For me, a luxury item is above all a refined item.“ Tatsächlich scheint es nur noch darauf anzukommen, unangenehm aufzufallen und zu schockieren. Normale Kleidung? Kommt nicht mehr in Frage. In Zeiten von Instagram, wo es vor allem darum geht eine Showeinlage nach der nächsten hinzulegen und die Follower-Gemeinde immer wieder aufs Neue zu beeindrucken, jedoch keine ungewöhnliche Entwicklung. Mode soll zwar Spaß machen und sich erst recht nicht zu ernst nehmen. Doch müssen wir dabei aussehen, als hätten wir uns für dieses Gefühl kopfüber in den Altkleidercontainer gestürzt oder blind in den Kleiderschrank gegriffen?

Ähnlich fragwürdig ist auch die Kollaboration zwischen dem australischen Label UGG Boots und Y/ Projekt aus Paris. Obwohl die cognacfarbenen Boots bereits in ihrer gewohnten Form die Inkarnation des Hässlichen darstellen, sprengt die aktuelle Kollektion wirklich alle Register. Wie zwei unförmige Faltenhunde winden sich die Overknee-Stiefel um die Beine ihrer Trägerin. Wahlweise in braun oder schwarz – für 1.380 Dollar. Wenn man schon ein Monatsgehalt für ein Paar Stiefel hinblättert, sollte das Kleidungsstück vielleicht für mehr herhalten, als für die bloße Zurschaustellung. Oder besser gesagt Bloßstellung. Dies gilt jedoch nicht nur für jene, die mit weitaus weniger auf dem Konto gesegnet sind. Wollen Frauen von der Upper East Side wirklich aussehen wie Vicky Pollard aus der Erfolgsserie Little Britain – mit dem feinen Unterschied, dass sie unter ihrem Trainingsanzug feinste Dessous von La Perla tragen? Wohl kaum. Und falls doch, sollten sie das Geld vielleicht doch lieber in einen Personal Shopper oder Stylisten investiert.

Wann authentische Mode ihren Weg auf den Catwalk zurückfindet, ist schwer zu sagen. Noch scheint die Strategie, mit der Demna Gvasalia bei Balenciaga und Vetements und Alessandro Michele bei Gucci fahren, aufzugehen. Im vergangenen Jahr verzeichnete das italienische Label ein Umsatzplus von rund 45 Prozent. Doch jede Bewegung hat ihren Gegentrend, der in naher Zukunft hoffentlich wieder für mehr Eleganz, statt für peinlich berührte Blicke auf den Straßen sorgt. Clare Waight Keller gab mit ihrer Kollektion jedenfalls schon mal die richtige Richtung vor. Vorerst werden sich aber wohl auch weiterhin unmögliche Kleidungsstücke und Accessoires wie die kreischend pinken Crocs mit Plateausohle von Balenciaga ihren Weg in die Einkaufstüten bahnen. Ausverkauft waren diese bereits nach wenigen Sekunden. Bleibt nur zu hoffen, dass der Großteil sein Dasein im Dickicht des heimischen Gartens fristet, statt die Straße zu erobern…

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