(K)eine leichte Entscheidung

Männer haben endlich einen Begriff gefunden, um ihre Bindungsängste in Worte zu fassen. Die Hoffnung auf die (wahre) Liebe? Stirbt damit wohl nun endgültig.

Wenn der wochenlange Flirt eigentlich doch nur ein lockeres Tête-à-tête sein sollte oder die Meinungen über die Liebe weiter auseinanderliegen als Hamburg und München, wurde das Problem bisher durch das sogenannte „Ghosting“ gelöst. Auch bekannt als Notfknopf für notorische Angsthasen und Unentschlossene. Leichter? Konnte man sich einer Person bisher kaum entziehen. Im Nachhinein lässt nämlich so gut wie nichts vermuten, das bis vor wenigen Stunden noch mehr als bloße Körpersäfte ausgetauscht worden sind. Abgesehen vielleicht von den Herz-Smileys im Whatsapp-Verlauf, die von der geghosteten Person nun nur noch mit Kopfschütteln betrachtet werden können. Während die einen noch auf Schlossgespenst machen, scheinen die anderen nun aber endlich die Lösung für ihre Beziehungsgestörtheit gefunden zu haben: Polyamorie.

Verwendung fand der Begriff – ähnlich wie Speed und Heroin – erstmals in den Neunzigern. Statt sich wie bei der Monogamie auf einen Partner zu beschränken, kennt die Polyamorie keine Grenzen. Mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben und mit ihnen Beziehungen einzugehen (Im Einverständnis aller Beteiligten), ist aber erst mal nichts Schlechtes. „Free Love“ haben schließlich schon unsere Eltern in den frühen Siebzigern praktiziert. Den Männern von heute scheint der Begriff aber regelrecht zu Kopf gestiegen zu sein. Wer kein Fan großer Worte und echter Gefühle ist (Dazu zählen beispielsweise Sätze wie ein harmloses „Ich mag dich echt gerne“, „ich glaube, es könnte etwas Ernstes sein“ oder – aber jetzt bitte nicht die Flucht antreten – „Ich liebe dich“), findet hier die wohl raffinierteste Ausrede, sich nicht mehr länger erklären zu müssen – oder eben von jetzt auf gleich von der realen und virtuellen Bildfläche zu verschwinden. Denn warum sollte man sich auch groß erklären wollen, wenn „Ich bin Polyamor“ Flokseln wie „Ich bin unentschlossen“, „Ich weiß nicht was ich will“… und „Lass uns das ganz langsam angehen lassen“ nahezu überflüssig macht?

Kaum sind die Fronten geklärt, scheint auch der Mann sich endlich fallen lassen zu können. Polyamor sein klingt schließlich viel cooler und erwachsener als ein ehrliches „Eigentlich bin ich total beziehungsunfähig“. Mit der Polyamorie hält man sich alle Chancen offen. Man könnte schließlich etwas auf Tinder oder vielleicht sogar im wahren Leben verpassen. Liebe? Das ist doch nur noch was für Romantiker. Und wer hat bei dem ganzen Alltagsstress eigentlich überhaupt noch die Zeit, sein Gegenüber richtig kennenzulernen? Bei den Polis geht es direkt zur Sache. Einvernehmlich, unverbindlich. Als eine von vielen Frauen, die oft nicht mehr gemeinsam haben als das, was sich gerade zwischen ihren Schenkeln befindet.

Polyamorie mag in unserer schnelllebigen und unsteten Zeit vielleicht wie das Allheilmittel gegen scheiternde Beziehungen und zerrüttete Ehen klingen. Doch wollen wir wirklich jemanden an unserer Seite, der es sich schon bei dem kleinsten Anflug von Nähe einfach im nächsten Bett bequem macht, bis die Luft wieder (gefühls)rein ist? Ja meine Herren, die Liebe mag ein seltsames Spiel sein. Aber seid doch wenigstens ehrlich zu uns und beschummelt euch nicht auch noch selbst dabei…

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